Glosse 110: Die Gartenparty

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Als Präsident Bräker zu einer sommerlichen Gartenparty auf dem heimischen Rasen einlud, kam überall im RC Redliwil die Frage auf, wie man sich passend anziehen sollte. Bräker selbst wollte vor allem die Jungrotarier einbinden und wählte in einem Anfall von Jugendwahn ein Outfit, bei dem er sich an seinem Sohn orientierte.

Neben Jeans mit kunstvollen Löchern rund um das Knie und einem T-Shirt mit dem Aufdruck «Born to be wild» besorgte er sich lila Sneakers, deren Bändel er offen aus dem Schuh heraushängen liess. Wie man das möglichst professionell machte, zeigte ihm der Sohn in einem Schnellkurs.

Jungrotarier Baumann hingegen ging einen anderen Weg. Er war hinsichtlich des Dresscodes noch etwas unsicher und beriet sich mit der Freundin. Die war gesellschaftlich sehr ambitioniert und forderte: «Wenn der Präsident zum Sommerfest einlädt, kommt nur ein weisser Smoking infrage.» Baumann lieh sich einen Smoking und war überrascht, wie bequem der sich tragen liess.

An der Bräkerschen Haustür kam es zu einem Clash der Kulturen, Born to be wild traf auf weissen Smoking. Baumann kriegte grosse Augen, seine Freundin bekam einen Schluckauf. Und Bräker klagte gegenüber der Gattin halblaut: «Irgendwie komme ich bei den Jungrotariern nicht so recht an.»

Immerhin entwickelte sich die Gartenparty doch recht erfreulich. Viele Rotarier und Rotarierinnen waren erschienen, in sehr individueller Aufmachung – in kurzen und in langen Hosen, mit oder ohne Jackett, im Wickelrock oder Cocktailkleid. Auch Jean Maissen, der Stilpapst des Clubs, gab sich die Ehre. Er kam im klassischen Tropenchic, lässiger weisser Leinenanzug, ohne Krawatte, aber mit Einstecktuch, die päpstlichen Füsse steckten in handrahmengenähten englischen Schuhen. Er musterte das T-Shirt und die Sneakers des Präsidenten und murmelte zu seiner Gemahlin: «Wenigstens ist keiner barfuss hier. Aber unser Präsident ist eindeutig auf dem Weg in die Verwahrlosung.»

Bräker selbst schritt unsicher über seinen Rasen, machte die Honneurs, hielt eine nette Begrüssungsrede und stolperte immer mal wieder über seine losen Schuhbändel. Als die Gartenparty vorbei war, meinte er erschöpft zur Ehefrau: «Heutzutage weiss man wirklich nicht mehr, was man anziehen soll.»

Die nickte: «Zum nächsten Sommerfest schlagen wir einen klaren Dresscode vor.»

«Und der wäre?»

«Kleidung beliebig, aber erwünscht.»

Glosse 109: Besuch aus Tallawichita

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Rotarier Baumann war neu im Club und erfuhr per Zufall, wie sich das alteingesessene Mitglied Zysset eine Auswärtspräsenz in New York gutschreiben liess. «Was ist das?», fragte er Präsident Bräker. Der informierte den Neuen gerne: «Zysset hat einen dortigen Rotary-Club besucht.»

«Darf man das so einfach, kostet das Eintritt, was sagen die in New York dazu?», fasste Baumann nach.

«Das darf man, das soll man sogar. Es kostet nichts, die Rotarier rund um den Globus freuen sich über einen Besuch, das steht für unsere internationale Verbundenheit. Gerade wir Schweizer sind doch stolz auf unsere Weltoffenheit», entgegnete der Präsident.

Baumann befasste sich mit dem Thema näher und sah, dass der weltläufige Zysset eher die Ausnahme war. Bei den meisten im RC Redliwil reichte die globale Verbundenheit nur bis zur Kantonsgrenze, sie waren noch nie in einem anderen Club zu Gast gewesen. Sie blieben lieber im heimischen Biotop. Rotarier Gafner sprach für viele: «Warum in die Ferne schweifen, wir haben es bei uns doch so gemütlich. Hier haben wir die schöne Redliwiler Spitze vor der Haustür und den Röstigraben, in dem es sich gut wandern lässt.»

Da traf es sich gut, dass Jungrotarier Baumann eines Tages beruflich in die USA musste und ein Meeting des Rotary Clubs Tallawichita/Kansas besuchte. Er wurde begeistert empfangen und verköstigt, er durfte sogar kurz über seinen Heimatclub berichten.

«Ein tolles Meeting», erzählte er nach der Rückkehr seinem Präsidenten.

«Wie viele waren da?»

«So an die 500.»

«Tja, bei uns verliere ich mich manchmal mit nur acht Rotariern in der Heidistube. Aber 500 sind irgendwie auch zum Fürchten. Wie viele Mitglieder hat denn der Club?»

«2517, hat man mir gesagt.»

«Da haben die wohl jeden zwischen Ost- und Westküste, der laufen kann, aufgenommen. Haben die Freunde sonst noch etwas gesagt?»

Baumann nickte: «Sie wollen uns bald besuchen.»

«Prima, freue mich.»

Einige Monate später wollte Bräker zum Meeting in den Gasthof Wohlfahrt, doch sein Wagen blieb schon an der Stadtgrenze im Stau stecken. Vor sich sah er Menschenmassen, die sich Richtung Gasthof wälzten, sie trugen Girlanden um den Hals und liessen Luftballons steigen, an einer Kreuzung tanzten Go Go-Girls zu den Klängen einer Brassband.

In der brodelnden Menge erkannte Bräker seinen Jungrotarier Baumann. Der rief ihm zu: «Die Freunde vom RC Tallawichita sind da. Während eines Europatrips haben sie spontan beschlossen, uns zu besuchen.»

«O Gott, alle 2517?»

«Nein, es sind 3322, der Club expandiert ja ständig.»

Baumann war es schliesslich, der das Chaos bändigte und auf dem Redliwiler Marktplatz ein halbwegs funktionierendes Freiluft-Meeting improvisierte. Bräker durfte sogar ein präsidiales Grusswort loslassen.

Eine Woche später sah Redliwil immer noch aus wie nach einem Tsunami, als Bräker zum regulären Meeting stapfte. In der Heidistube erwarteten ihn acht Mitglieder. Und Bräker seufzte: «Also, ein Hauch RC Tallawichita täte uns auch gut.»

Glosse 108: Zürcher Verhältnisse

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Präsident Georges Bräker atmete durch. Nach grossen Mühen war es ihm endlich gelungen, den Vorstand für das neue rotarische Jahr komplett zu besetzen. «Einige Mitglieder musste ich zum Jagen tragen, ehe sie sich engagierten», seufzte er im Meeting.

«Wir brauchen im Club Zürcher Verhältnisse», meinte dazu Moritz Hürlimann, ein Rotarier alter Schule, dessen Klagen über den allgemeinen Niedergang bei Rotary gefürchtet waren.

«Wie bitte?»

«Ich las kürzlich einen Bericht darüber, wie es in den 1920er Jahren beim RC Zürich zuging. Ein sehr nobler Club übrigens, eine Zierde unserer Gemeinschaft», erwiderte Hürlimann. Bräker vertiefte sich in die Abhandlung, die auf historischen Wochenberichten basierte und war sehr angetan. So bewarben sich in Zürich zeitweise zwei Drittel aller Mitglieder um einen Sitz im Vorstand – die mit den meisten Stimmen erhielten dann die begehrten Ämter. Streng waren die Präsenzregeln. Wer ein Meeting versäumte, musste sich schriftlich unter Angaben der Gründe entschuldigen. Wer unentschuldigt fernblieb, wurde namentlich im Wochenbrief genannt.

Bräker ernannte Hürlimann zum «Zürich-Beauftragten» mit der Vollmacht, ein paar der alten Gepflogenheiten wieder einzuführen: «Fege mal im RC Redliwil so richtig durch.» Hürlimann fegte, die Präsenzen stiegen fulminant.

Angesichts dieser erfreulichen Entwicklung machte sich Bräker entspannt auf zu seinen Sommerferien am Lago Maggiore. Kaum sass er vor seinem Apéro auf der Uferpromenade in Ascona, als sein Smartphone summte.

«Wo bist Du?», bellte Hürlimann ins Telefon.

«In Ascona, in den wohlverdienten Ferien, lieber Moritz. »

«So geht das aber nicht, Herr Präsident!», monierte Hürlimann.

«Was geht nicht?»

«Dass Du einfach so in die Ferien fährst und dann verstummst. Du hast offenbar das Dokument aus Zürich nicht komplett gelesen. In der guten, alten Zeit waren Vorstandsmitglieder strikt gehalten, auch im Urlaub Verbindung mit dem Club zu halten. Lese bitte mal nach, wie damals der Clubsekretär einen Präsidenten in den Senkel stellte – der hatte eine Woche lang aus seinem Ferienort St. Moritz nichts von sich hören lassen.»

Bräker erschrak, gelobte Besserung und meldete sich fortan täglich nach dem Morgenessen bei Hürlimann ab, abends folgte ein ausführlicher Rapport über seine Ausflüge rund um den Lago Maggiore.

Nach der Rückkehr studierte er erneut den Bericht aus Zürich. Ein wirklich bemerkenswerter Club, der früh auch weibliche Referenten einlud. Einmal jedoch war das nicht von Erfolg gekrönt, denn das Bulletin des RC Zürich verzeichnete: «Heute hätte Greta Garbo über ihren Beruf sprechen sollen. Sie ist aber nicht erschienen.»

Clubsekretär Hans Tgetgel meinte erleichtert: «Wenigstens in dieser Hinsicht sind wir auf Augenhöhe mit dem RC Zürich. Wir hatten mal Beatrice Egli eingeladen. Die erschien auch nicht.»

Glosse 107: Der rotarische Adel

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Neuerdings erfreute sich die private Ahnenforschung im RC Redliwil wachsender Beliebtheit, zumal die genealogische Recherche dank des Internet immer leichter wurde. Bei den Familien-Stammbäumen entspann sich ein regelrechter Wettbewerb, wobei Rotarier Friedrich von Planta im Vorteil war. Er konnte seine Vorfahren bis zur Zeit der Kreuzzüge zurückverfolgen, was ihm mächtig Prestige verschaffte.

Das missfiel Rotarier Max Sprüngli, einem überzeugten Demokraten. Also hielt er einen Vortrag über den vierten Kreuzzug, dessen Tiefpunkt 1204 die Plünderung von Konstantinopel durch die christlichen Ritter war. Von Planta beteuerte, sein Vorfahr sei 1204 wegen eines Burnout-Syndroms auf der heimischen Burg geblieben und habe sich dem Minnesang gewidmet. Doch der Nimbus war dahin.

Um die Atmosphäre zu entspannen, schlug Präsident Bräker vor: «Konzentrieren wir uns doch auf den rotarischen Adel. Wer von uns kann auf eine familiäre rotarische Tradition zurückblicken?»

Da gab es einige, die schon in der zweiten Generation Rotarier waren. An die Spitze des rotarischen Adels setzte sich aber Hans Tgetgel, dessen Vater und auch der Grossvater bei Rotary gewesen waren. Stolz berichtete Tgetgel: «Schon an meinem zehnten Geburtstag hat mich mein Grossvater darauf eingeschworen, dereinst das Amt des Kassiers zu übernehmen – sonst mache und könne das ja keiner im Club.»

Da man schon bei den Stammbäumen war, wurde eine Historische Kommission unter Leitung von Sprüngli gegründet, die die Geschichte des RC Redliwil aufbereiten sollte. So glanzvoll sie war – im Vergleich zum RC Zürich, der als erster Schweizer Club 1924 gegründet wurde, war der RC Redliwil leider etwas jüngeren Datums.

Das schmerzte Rotarier Sprüngli. Doch Bräker warf ein: «Ein Jahr im RC Redliwil zählt eigentlich so viel wie fünf Jahre in einem normalen Club. Als Präsident weiss ich, wovon ich rede.»

Das gefiel Sprüngli schon besser. Im Vorwort zur neuen Clubchronik schrieb er, «ideell gesehen ist der RC Redliwil der älteste Rotary-Club der Schweiz, wenn nicht Europas.»

«Ist das nicht etwas gewagt?», fragte Bräker.

Sprüngli blieb unbeirrt: «Nein, das ist eine Art höhere historische Wahrheit.»

Glosse 106: Das Lastenträgervelo

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

«In meiner aktiven Zeit kamen die meisten Freunde noch mit Chauffeur zum Meeting», erinnerte sich eines Tages Ehrenpräsident Ernst Friedrich wehmütig in kleiner Runde. Doch diese glanzvolle Zeit des rotarischen Vorfahrens war Geschichte. Auch im RC Redliwil wehte neuerdings ein anderer Wind. Im Zeichen der Klimakrise wurde im Club immer kritischer beäugt, wer mit welchem Verkehrsmittel zum Meeting fuhr.

Rotarier Fritz Abderhalten hatte schweren Herzens Abschied von seinem Porsche 911 genommen. Früher hatte er den Boliden gerne als sehr praktisch gerühmt: «In den Neunhundertelfer passen eine schöne Frau und zwei Kreditkarten. Reicht völlig.» Nun mussten die schönen Frauen und die Kreditkarten in einem elektrischen Fiat 500 unterkommen. Georges McGander, der früher mit dem Hummer-Jeep (30 Liter auf 100 Kilometer) herandonnerte, erschien nun per Pferd aus dem eigenen Gestüt.

Die Durchschnittsrotarier behalfen sich mit dem Bus, denn die Redliwiler U-Bahn befand sich noch im Planungsstadium. Andere nutzten Fahrräder, vom schlichten Hollandrad bis zum Edeltreter mit 33 Gängen.

Rotarierin Louise Meier kam mit einem E-Bike, allerdings einer Sonderedition, gestylt von einem Pariser Designer, denn ein wenig Distinktion musste schon sein. Sie staunte nicht schlecht, als eines Tages der betagte Ehrenpräsident ebenfalls auf einem E-Bike an ihr vorbeirauschte, allerdings mit Stützrädern.

Besonders motiviert wurden die Mitglieder durch einen von Präsident Bräker ausgelobten Wettbewerb. Wer den kleinsten CO2-Fussabdruck auf dem Weg zum Meeting hinterliess, sollte mit einem doppelten Paul Harris Fellow und einer Würdigung in den lokalen Medien Presse ausgezeichnet werden.

Begründete Hoffnung auf den Preis machte sich eine vierköpfige Gruppe von Jungrotariern. Sie kamen gemeinsam in einem Lastenträgervelo vom Typ «Long John». Der Kräftigste lenkte und trat in die Pedale, die drei anderen kauerten in der Lastenbox. Der «Long John» galt als heisser Favorit für den ersten Preis.

Den aber holte sich Rotarier Armin Fahrni. Seinen AMG Mercedes (700 PS, Formel I-Bremsen) hatte er seinem Fitnesstrainer verkauft und sich eine Wohnung im Stockwerk über dem Gasthof Wohlfahrt gemietet. Und so öffnete Fahrni jeden Mittwoch um 11.59 Uhr seine Tür, schritt eine Treppe herunter und war ebenso entspannt wie pünktlich um zwölf Uhr zum Meeting in der Heidilandstube. Das Ganze verlief ziemlich CO2-frei, abgesehen von den 40 Millilitern CO2, die pro Liter Fahrni-Atemluft in die Atmosphäre gelangten.

Glosse 105: Der Neujahrsempfang

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Der Neujahrsempfang des RC Redliwil war ein glanzvolles Ereignis. Alles, was Rang und Namen hatte, war erschienen. Ein Bundesrat überbrachte die Grüsse des Bundespräsidenten aus Bern, auch der US-Botschafter liess sich blicken.

Da landete eine Fliege auf der Nase von Präsident Bräker, und er erwachte am Schreibtisch aus seinem behaglichen Tagtraum. Die hässliche Realität erinnerte ihn daran, wie der letzte Neujahrsempfang tatsächlich verlaufen war. Von Promis keine Spur, als einziger Vertreter des Diplomatischen Corps war der dritte Sekretär der Botschaft von Molvanien gekommen. Immerhin hatte er sich ausgiebig dem Sekt und den Lachsbrötchen gewidmet.

«Das muss anders werden, wir sind doch wer in Redliwil und weit darüber hinaus». forderte Bräker in der nächsten Vorstandssitzung und fragte: «Was tun?»

«Wir sollten mehr Lachsbrötchen anbieten, dazu Champagner statt Sekt», schlug Kassierer Tgetgel vor. «Vor allem sollten wir unseren Neujahrsempfang rechtzeitig ankündigen», empfahl Rotarier Winkelried.

Daran mangelte es in der Tat, denn im Club hatte man sich immer noch nicht über einen Termin einigen können.

Nun haben es Neujahrsempfänge so an sich, dass sie alle kurz nach Neujahr stattfinden. Und zwar in einer Häufung, dass sich Neujahrsempfang-Profis oft dreimal am Tag aufmachen, um abends völlig erschöpft, weil voller alkoholischer Getränke und Häppchen, heimzukehren.

Bräker machte sich kundig und erschrak. Der Januar war schon komplett belegt. Die Industrie- und Handelskammer rief zum Empfang, der Gewerbeverband, die politischen Parteien – und der Lions Club, der wieder mal schneller gewesen war.

«Was tun?», fragte Bräker im Vorstand erneut. Da hob Rotarier Hürlimann die Hand. «Nehmen wir doch einfach China als Vorbild. Die feiern Neujahr am 1. Februar, wenn das Jahr des Tigers beginnt.» Hürlimann sprach nicht ganz uneigennützig, denn die Volksrepublik China war der Hauptmarkt seiner Firma. Er bot auch an, die Neujahrsrede unter dem Motto «Redliwil als Brückenkopf der Neuen Seidenstrasse» zu halten. Den Redeentwurf hatte er schon ausgedruckt fertig. Er endete mit den Worten «新年快乐 (Xīn nián kuài lè!) – Frohes neues Jahr.»

«Hm, hm», meinte die Vorstandsrunde. Mitten in die allgemeine Ratlosigkeit platzte Jungrotarier Zysset mit einem neuen Vorschlag. «Nehmen wir doch das rotarische Jahr. Wann beginnt das?»

«Am 1. Juli», sagte Bräker und strahlte. «So machen wir es. Den Termin haben wir exklusiv, dann kommen auch der Bundesrat und der US-Botschafter.»

Rot. Alexander Hoffmann

Glosse 104: Der Rotary Club Babalu

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Punkt 20.30 Uhr schlug Georges Bräker auf den Gong, das Meeting war beendet. Blitzschnell leerte sich die Heidilandstube. Die Rotarier spritzten auseinander, als ob es Bombenalarm gegeben hätte.

Präsident Bräker konstatierte traurig: «Schade, dass die Meetings immer so abrupt enden. Wäre doch schön, wenn wir auch ausserhalb des rotarischen Protokolls noch ein bisschen zusammensitzen würden.»

«Im Gasthof Wohlfahrt fehlt es halt an einem passenden Rahmen für einen Apéro vor allem nach dem Meeting», meinte Clubsekretär Hans Tgetgel. Das hörte der Wirt und installierte flugs eine neue Attraktion, die Babalu-Bar. Die Bar war cool durchgestylt, im Hintergrund sang Frank Sinatra «New York, New York». Es gab exzellente Drinks, darunter den Redliwil Special, eine Mischung aus einheimischen Brombeeren und Gin – geschüttelt, nicht gerührt.

Die Bar fand mächtig Zulauf, auch wegen der betörenden Barkeeperin Chantal. In ihrem roten Latex-Outfit stellte sie den Chef de Service Franz aus der Heidilandstube mit seinem abgeschabten Frack in den Schatten. Nach jedem Meeting steuerten immer mehr Rotarier zu einem Apéro in die Bar. Dort pflegten sie die rotarische Freundschaft oder fädelten in den intimen Séparées eine kleine, feine Clubintrige ein.

Präsident Bräker war begeistert: «Unser Clubleben nimmt einen ungeahnten Aufschwung.» Allerdings musste er bald registrieren, dass die Babalu-Bar der Heidilandstube den Rang abzulaufen drohte. Immer mehr Rotarier kamen abends zum Meeting – um gleich in die Bar zu gehen.

So geriet ein Vortrag, von dem sich Bräker so viel versprochen hatte, zum Fiasko. Der Gastredner, seines Zeichens Vorsitzender des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Katzenväter, sprach gerade mal vor acht Rotariern und drei Katzen. Alle anderen waren bei Chantal und Sinatra.

«So geht das nicht, so werden wir ja zum RC Babalu», erklärte Bräker. Er nahm sich vor, die Vortragsreihe noch interessanter zu machen, um die Leute wieder in die Heidilandstube zu locken.

Wochen später hatte er wieder Grund zur Freude. Theophilus Würgzwiebel hatte nach jahrelangem Antichambrieren Bräkers einen Vortrag beim RC Redliwil zugesagt. Würgzwiebel war ein Philosoph von globalem Rang, ein Weltendeuter, wie es keinen zweiten gab. Seit Jahrzehnten lebte und dachte er in einer kargen Berghütte knapp unterhalb der Redliwiler Spitze, allen irdischen Genüssen abhold, die reine Geistigkeit.

Respektvoll besprachen Bräker und Würgzwiebel in der Berghütte die Details. Der Philosoph meinte: «Ich komme sehr gerne. Den Vortrag halte ich in der Babalu-Bar. Ich hoffe, Chantal ist noch da?»

Glosse 103: Rotary räumt auf

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Als Präsident Georges Bräker an einem Wochenende seinen geliebten Redliwiler See umrundete, war er bestürzt. Überall am Ufer türmte sich der Abfall, es war eine Schande. «Wir müssen etwas tun», forderte er im folgenden Meeting und meinte: «Die Säuberung des Ufers wäre doch ein tolles Hands-on-Projekt für unseren Club.»

«Was ist denn Hands-on?» fragte Marco Klotz. Der Präsident entgegnete: «Das sind Projekte für einen guten Zweck, bei denen wir alle mit Hand anlegen. Da pflanzen Clubs neue Bäume, reinigen Tiergehege oder bauen in Kinderheimen neue Möbel, die sie gespendet haben, gleich selbst auf.»

Rotarier Klotz zückte seine Kreditkarte, doch Bräker winkte ab: «Nein, nein, ein bisschen persönlicher Einsatz sollte schon sein.»

Der Immobilienbaron Heinrich von Winkelhausen bot an, einen seiner Gärtner zu schicken und schlug hoffnungsvoll vor: «Wir könnten das ja mit einem schicken Champagner-Frühstück am Seeufer verbinden.»

Bräker schüttelte sich: «Die Schlagzeilen in der Presse möchte ich mir nicht vorstellen.»

Es war nicht einfach, den Club für das Projekt zu erwärmen. Rotarierin Maria Meier-Künzli trieb eine besondere Sorge um: «Was zieht man denn zu einem solchen Event an?». Der Clubintellektuelle Professor Dr. Johann Immergrün zierte sich: «Für Handarbeit bin ich völlig ungeeignet. Aber ich kann einen Vortrag über die Kulturgeschichte des Kehrichtsackes beisteuern.»

Andere Rotarier zeigten sich unabkömmlich und warteten mit ärztlichen Attests auf, die von Bandscheibenvorfällen, Senkfüssen, Kurzatmigkeit, Rheuma und Arthrose im Endstadium kündeten. Es war zum Erbarmen. Nur ein paar junge Rotarier waren begeistert und freuten sich auf den «waste walk» rund um den See.

Doch das reichte nicht. Clubsekretär Hans Tgetgel wusste wie immer Rat in der Krise und engagierte kurzerhand fünf gestandene Männer, darunter einen Feuerwehrmann, einen von der Abfallentsorgung und vom Katastrophenschutz sowie ähnliche Experten. Sie erhielten eine Rotary-Nadel aus recyceltem Kunststoff und wurden als temporäre «Leih-Rotarier» verpflichtet.

Sie mussten auf die Vier Fragen-Probe schwören und los ging es mit dem «waste walk». Rotarier Immergrün fand immerhin drei leere PET-Flaschen und Rotarierin Meier-Künzli ergatterte in ihren Designer-Gummistiefeln wenigstes eine verrottete Angelschnur.

Den Hauptertrag an Müll lieferten die Leih-Rotarier. Sie sammelten am Ufer drei Kubikmeter Bierdosen, Pizzakartons und Zigarettenkippen, sie fischten zusätzlich aus dem Wasser fünf Fahrräder, ein Kinderbett, 23 Handys, einen Weber-Grill, acht Personal Computer und einen verrosteten Lada.

Die Presse war voller Lob und berichtete: «Rotary räumt richtig auf.»

Voller Lob war auch Rotarier Tgetgel: «Schade, dass uns die Leih-Rotarier wieder verlassen.» Doch Präsident Bräker meinte: «Nein, die sind Gold wert, die behalten wir.»

Glosse 102: Die Rotierenden

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

«Wir müssen mit der Zeit gehen», befand Präsident Georges Bräker und schlug vor, auch beim RC Redliwil zu gendern. «Sonst heisst es, wir seien alte, böse weisse Männer.» Beim nächsten Meeting begrüsste er alle mit «Liebe Rotierende», womit sämtliche denkbaren Geschlechter berücksichtigt waren.

Clubsekretär Hans Tgetgel knurrte: «Wir sind weltoffen und tolerant, für Gleichberechtigung und für Minderheiten. Aber mir ist unklar, inwieweit Gendern das irgendwie fördern soll.»

«Das werden wir Dir schon noch beibringen», entgegnete Jungrotarier Zysset. Er hatte einen Abschluss in Gender Studies und war die treibende Kraft der Genderfraktion im Club. In seinem Klassifikationsvortrag hatte er seine Mutter genderkorrekt als das «austragende Elternteil» erwähnt.

Als Zysset von den «Studierenden» sprach, erinnerte der Clubintellektuelle Professor Dr. Johann Immergrün an Goethe. «Der hat fein unterschieden zwischen dem Studierenden, der über seinem Lehrbuch hockt, und dem Studenten, der in Auerbachs Keller Wein trinkt. Es ist grammatikalischer Nonsens, das Partizip Präsens zu verwenden, um die beiden Geschlechter zu vereinen.»

Zysset focht das nicht an: «Auch Goethe, wer immer das sein mag, wird sich noch ans Gendern gewöhnen müssen.»

Rotarier Immergrün zitierte einen renommierten Linguisten: «Der Mond ist nicht männlich, die Erde nicht weiblich, das Weltall nicht sächlich. Es gibt ein biologisches und ein grammatisches Geschlecht.»

Nils Zysset blieb unbeirrt. Die Rotierenden mussten sich in der Volkshochschule Redliwil einfinden, um den Gebrauch des Gendersterns zu lernen, das Herzstück der neuen Hochsprache. Sie übten, das «Liebe Rotarier*innen» mit dem sogenannten Glottisschlag zu sprechen, einer Minipause zwischen dem männlichen Wortstamm und der weiblichen Nachsilbe. So wie beim «Spiegelei», das mit einer Unterbrechung als «Spiegel-Päuschen-Ei» gesprochen wird.

Eines Abends trotteten Immergrün und Tgetgel auf dem Bürger*innensteig nach Hause, leise «Spiegel-Päuschen-Ei» übend. Da fragte Tgetgel: «Wo sind eigentlich unsere Damen im Club? Von denen kommt nie eine zur Schulung.»

In der Tat. Die Frauen, Redliwils Gemeindepräsidentin und Bürgermeisterin Margrit Lüthi vorneweg, rollten nur die Augen, als man sie zum Glottisschlagen einlud.

Lüthi plante gerade ihren kommenden Wahlkampf. Als Zysset ihr Referat dazu unter «Bürger*innen*meister*inwahl» ankündigte, platzte ihr der Kragen. «Männer kann man wirklich nicht unbeaufsichtigt lassen, da kommt einfach nur Unfug heraus.»

Lüthi mobilisierte die gesamte Frauenriege im Club, die Präsident Bräker in Kur schickte und Zysset eine Gesamtausgabe von Goethes Werken schenkte. Beim folgenden Meeting präsidierte Lüthi als Notvorstand und verkündete: «Das Spiegel-Päuschen-Ei hat ausgedient. Basta.»

«Bürger*innen*meister*inwahl»

Neues vom RC Redliwil

PDG Paul Meier wird Administrator

Hier sein Schreiben vom 5. August an Erich Gerber, mit Kopien an Bea Seiterle, Ursula Schoepfer, Christine Davatz, Verena Maria Amersbach und Alexander Hoffmann

Lieber Erich

Wie angekündigt, habe ich gestern Mittag unseren Freund Rot. Alexander Hoffmann in Wissembourg (Oberelsass) getroffen, um auszuloten, ob die «Chemie» zwischen uns beiden stimmt.

Bei unserer Begegnung habe ich Alexander als beeindruckende Persönlichkeit kennengelernt, die einen eindrücklichen beruflichen Leistungsausweis vorlegen kann, über ein profundes rotarisches Wissen verfügt, Initiative entwickelt und Zuversicht ausstrahlt. Kreativität, verbunden mit einer angemessenen Prise Humor, ist eine seiner weiteren Attribute. Seine Gemahlin ist übrigens auch Rotary-Mitglied; 2020-2021 präsidierte sie den Club in seiner Wahlheimat.

Ja, ich habe mich entschlossen, Deinem Wunsch entsprechend per sofort Deine Nachfolge als Administrator des Rotary Clubs Redliwil zu übernehmen. Du hast mich anlässlich unseres Gesprächs vom 21. Juli bestens in die Aufgaben dieses Amtes eingeführt. Die  Distrikt Governors Bea Seiterle (D2000) und Ursula Schoepfer (D1980) haben ihren Segen zu diesem Wechsel erteilt und mir auch die weitere finanzielle Unterstützung (im bisherigen Rahmen) seitens ihrer beiden Distrikte zugesichert.

So darf ich hoffen, meinen persönlichen Beitrag zum weiteren Gedeihen unseres RC Redliwil leisten zu können. Dir danke ich aufrichtig für Dein jahrelanges, vorbildliches Wirken, wünsche Dir und Susy heute und für die Zukunft alles Gute. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen und grüsse Dich in freundschaftlicher Verbundenheit, Dein

Paul

Paul Meier, Governor 2012-2013, Distrikt 1980
Längackerstrasse 24, CH-4532 Feldbrunnen
Telefon 032 622 89 10, Mobile 079 206 26 45, pameier@sunrise.ch