Glosse 120: Aktion Sägewerk

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Bei der Neuwahl für die Aufnahmekommission des RC Redliwil setzten sich überraschend die Hardliner durch mit Rotarier Friedrich an der Spitze. Und der kündigte an: «Wir kehren zu unseren Wurzeln zurück, setzen bei neuen Mitgliedern konsequent auf Qualität statt Quantität.»

Da hatte es Alexander Medici, der letzte Progressive im Ausschuss, schwer. Doch unverdrossen schlug er Florentine Z., stellvertretende Leiterin des Völkerkundemuseums von Redliwil, für die Aufnahme in den Club vor.

Ernst Friedrich, seines Zeichens Ehrenpräsident des RC Redliwil, bügelte ihn ab. «Wir nehmen aus jeder Berufsgruppe nur die Nummer Eins.»

Medici klagte: «Aber Frau Z. ist eminent tüchtig, sie wäre eine Zierde unseres Clubs. Ausserdem sägt sie bereits emsig am Stuhl ihrer Vorgesetzten, in spätestens drei Jahren ist sie selbst die Chefin.»

Friedrich blieb unerbittlich. Dafür gewann er gleich drei Einser für den Club und war mächtig stolz. Leider erwiesen sich zwei der drei Einser bald als Nullen, zumindest was ihr rotarisches Engagement betraf. Friedrich ging in sich und rief Medici an. «Geschätzter Freund, ich bin zu einem Kompromiss bereit. Ich habe schon ein Codewort dafür – Aktion Sägewerk.»

«Wie bitte?»

«Nun, ich könnte mich auch für aussichtsreiche Stellvertreter erwärmen, wenn sie uns bei der Aufnahme schriftlich versichern, dass ihr Sägen am Chefstuhl binnen dreier Jahre erfolgreich abgeschlossen ist.»

Medici war begeistert, doch Florentine Z. zeigte sich bei seinem nächsten Annäherungsversuch spröde. Sie war mittlerweile beim Lions Club untergekommen. Auch ansonsten kam die Aktion Sägewerk nicht so recht voran, und Friedrich setzte wieder auf die harte Linie. Er zog einen Herrn Zumbrunn aus dem Ärmel, Chief Executive Officer eines Global Players, eine herausragende Persönlichkeit der Schweizer Wirtschaft.

Zumbrunn wurde im Eilverfahren aufgenommen, die noblen Clubs in Zürich hatten das Nachsehen. Anlässlich seines Einführungsvortrags wurde er gebeten, auch ein paar private Worte über seine Familie zu verlieren. Das tat er gerne und berichtete: «Die Nummer Eins in unserem Haushalt ist Caligula, unser Kater. Er gewährt uns seit acht Jahren Wohnrecht in seiner Villa. Die Nummer Zwei ist meine Ehefrau. Ziemlich weit danach kommt so eine Art Faktotum, zuständig für Geldbeschaffung und diverse niedere Dienste. Ich bin also nur die Nummer Vier.»

Glosse 119: Künstliche Intelligenz rotarisch

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

«Rotary ist ja richtig Arbeit», stöhnte Clubsekretär Tgetgel, als er sich wieder mal mit dem Wochenbulletin mühte. Ähnlich ging es den weiteren Clubmitgliedern, die über ihren Vorträgen brüteten.

Da kam Rotarier Danuser, ein Experte für Künstliche Intelligenz (KI) an der Universität Redliwil, gerade recht. Er hatte das Programm ChatGPT als Textgenerator weiterentwickelt, hin zu einer Sonderedition für den RC Redliwil.

Sein Vorschlag, KI rotarisch zu nutzen, wurde begeistert aufgenommen. Fortan glänzten die Wochenbulletins, zumal Danuser eine automatische «Optimierungskomponente» integriert hatte. Aus acht Meetingteilnehmern wurden 80, höfliches Klatschen für einen dürftigen Vortrag wurde zum «Beifallsorkan», ein grottenödes Gartenfest wurde zum «Highlight des Jahres».

Auch das Niveau mancher Vorträge stieg, was den Clubintellektuellen Dr. Wolfensberger nicht überraschte. Aber wehmütig meinte er: «Eine Maschine bestimmt unser Clubleben.» Zuspruch fand er nur bei Sekretär Tgetgel, der seine Beiträge weiter ohne Textroboter schrieb.

Dann gab Altpräsident Friedrich im Meeting einen Rückblick auf sein Leben. Im KI-gestützten Wochenbericht wurde er mit der bewegenden Passage zitiert, «als ich am 22.5.1882 den von mir geplanten Gotthardtunnel einweihen durfte.» Kurz darauf wurde der Silvestergruss von Präsident Bräker publiziert, der Wort für Wort der letzten Neujahrsansprache des Bundespräsidenten glich.

Danuser erklärte das Malheur: «Diese Sprachmodelle erfinden gelegentlich etwas dazu, in der Fachwelt heisst das Halluzination. Sind halt Kinderkrankheiten.»

Dr. Wolfensberger witterte seine Chance. Er betreute für die Website des Clubs die Kurzporträts aller Mitglieder. Ganz ohne KI veränderte er Danusers Profil. Dabei halfen ihm seine natürliche Intelligenz und etwas, worüber der Textroboter nicht verfügte – einen Schuss Hinterhältigkeit.

Bald konnte man auf der Website lesen, dass Danusers Dissertation wegen massiver Plagiate unter Verdacht stand. Und dass er beim letzten Redliwil-Marathon eine unerlaubte Abkürzung genommen haben soll. Der KI-Experte geriet in einen Shitstorm, wagte sich nicht mehr auf die Strasse, geschweige denn in Meetings.

Entsetzt rief er Dr. Wolfensberger an: «Meine Abschlüsse an der Uni habe ich alle mit Auszeichnung und ohne jedes Plagiat erzielt. Und Marathon? Ich schaffe nicht mal einen 60 Meter-Lauf.»

Dr. Wolfensberger spendete treuherzig Trost: «Das ist ja furchtbar, lieber Freund, den Text werde ich sofort löschen. Wirklich schlimm, dass Ihr Programm wieder mal halluziniert hat.» Danuser zog seine KI à la Redliwil zurück und floh für eine Auszeit auf eine griechische Insel.

Im nächsten Meeting trafen sich Dr. Wolfensberger und Tgetgel. Der Clubsekretär flüsterte: «Will lieber nicht wissen, wie Sie das hingekriegt haben. Aber grosses Lob, noch sind wir dieser Maschine über.»

Dr. Wolfensberger wiegte den Kopf: «Noch.»

Glosse 118: Die Charter-Urkunde

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Eines Tages ging Präsident Georges Bräker daran, Familienpapiere zu sortieren. Dabei stiess er auf einen Brief seines Vaters von 1963. «Eine schöne Charterfeier hatten wir in der Heidistube», schrieb der Vater.

Bräker erstarrte. Vor 60 Jahren also wurde der RC Redliwil gegründet, das hatte er ganz vergessen. Aber wann genau? Das stand nicht in dem Brief. Bräker berief eine Krisensitzung des Vorstands ein und fragte: «Warum hat der Clubarchivar nicht an das 60jährige Jubiläum erinnert?»

«Weil wir seit zehn Jahren keinen Archivar mehr haben», sagte Rotarier Paul Egli. «Wir haben quasi unser Gedächtnis verloren.»

Bräker fiel es wieder ein. Rotarier Anton Gafner hatte das Archiv akribisch geführt, aber niemand hatte sich für ihn interessiert. Beleidigt hatte er dann den Club verlassen.

«Dann muss ich wohl nach Canossa gehen», seufzte Bräker und begab sich zu Gafner. Dort bat er um Entschuldigung und machte er drei Kratzfüsse. Gafner war besänftigt und führte ihn in seinen Heizungskeller. «Die Gründungsmitglieder können wir nicht mehr fragen, aber vielleicht finden wir hier etwas», meinte er und durchstöberte einen staubigen Karton.

Schliesslich förderte er ein zerknittertes Dokument zutage. «Na also, da haben wir die Charter-Urkunde von 1963», sagte er zufrieden. Zufrieden war auch Bräker – bis er den riesigen roten Fleck auf der Urkunde sah. Er verdeckte passgenau das Datum der Gründung.

«Das stammt von Rotwein, war wohl eine ziemliche Sause damals», konstatierte Gafner.

Was tun? In seiner Not wandte sich der Präsident an den Chef der Redliwiler Polizei, Franz Mühlemann, der passenderweise ebenfalls Rotarier war. Mühlemann meinte lässig: «Ich gebe die Urkunde mal in unsere Labors zur kriminaltechnischen Untersuchung.»

Zwei Tage später rief er zurück. «Wir hatten Erfolg.»

«So?»

«Bei dem Rotwein handelt es sich um einen Château Lafite Rothschild von 1959. Die Rotarier damals wussten, was gut ist.»

«Ja, und das Datum?», fragte Bräker verzweifelt.

«Hat die Säure des Weins weggefressen, sorry.»

Bräker war der Panik nahe, die von ihm so schön erträumte Jubiläumsfeier rückte in weite Ferne.

Erlöst wurde er von Rotarier Fritz Albrecht, Inhaber eines Grafikstudios, der eine «kreative Lösung» vorschlug. Bald präsentierte Albrecht eine prächtige, fleckenfreie Neuversion der Charter-Urkunde. Nach einem Bad in der Mikrowelle hatte sie auch die richtige Patina. Bräker war begeistert, fragte aber: «Und der exakte Tag der Clubgründung?»

«Kenne ich nicht, ich habe einfach meinen Geburtstag eingesetzt, den 29. Februar.»

Bräker machte sich an die Formulierung seiner Festrede. Die Einladungen zum Jubiläum gingen raus, schön verpackt in eine Kopie der Charter-Urkunde.

Zwei Tage vor dem Fest rief Rotarier Egli den Präsidenten an. «Ich will ja nicht meckern, aber einen 29. Februar gibt es nur in Schaltjahren. 1963 war definitiv kein solches.»

Doch in Bräker glühte nach all den Misslichkeiten die Vorfreude auf das Fest. Er beschied Egli: «Es bleibt beim 29. Februar 1963. Wir vom RC Redliwil haben unsere eigene Zeitrechnung, das macht uns ja so einzigartig.»

Glosse 117: Das präsidiale Piercing

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Lange vor dem Amtswechsel bat Präsident Bräker seinen designierten Nachfolger Roger Winkelried für ein privates Gespräch zu sich nachhause. Dabei weihte er ihn in die Finessen der Clubführung ein, in die vielen ungeschriebenen Gesetze, nach denen der RC Redliwil funktionierte. Insgeheim überfiel ihn eine gewisse Wehmut, denn er hing an seinem Amt.

Sie sassen im Arbeitszimmer Bräkers, neben dem Schreibtisch stand eine mannshohe Schneiderpuppe, angetan mit einem Jackett. «Das ist Theodor», meinte Bräker auf einen fragenden Blick Winkelrieds hin. «Aber kommen wir zum wichtigsten Punkt, er wird entscheiden, ob Sie als grosser Präsident in die Clubgeschichte eingehen. Wie ist Ihre Feinmotorik?»

«Meine was?»

«Ich meine Ihre Technik beim präsidialen Piercing, beim Anstecken der rotarischen Nadel für neue Mitglieder. Spielen Sie Klavier, reparieren Sie Ihre Uhr selbst?»

«Leider Nein. Ich bin eher der zupackende Typ. Als Student habe ich auf dem Bau Backsteine geschleppt, heute entspanne ich mich beim Holzhacken in meinem Garten», erwiderte Winkelried.

«Nun denn», meinte Bräker und ging mit ihm zu Theodor. Er reichte ihm eine Nadel: «So, jetzt piercen Sie bitte mal zur Probe. Denken Sie daran, das ist ein hoheitlicher Akt, der Ihnen alles abverlangt. Die Nadel muss in fliessender Bewegung mit Würde und Eleganz angesteckt werden, ohne peinliche Fummelei. Und Sie müssen hochpräzise und zielgenau sein, denn die neuen Rotarierinnen und Rotarier sollen die Zeremonie ja überleben.»

Winkelried packte die Nadel und fixierte die Puppe. Er senkte den Kopf wie ein Stier, nahm Anlauf und rammte die Nadel mit seiner schaufelgroßen Hand tief ins Revers des Jacketts und in das Styropor der Puppe. Theodor fiel um. «So geht es leider nicht», kommentierte Bräker.

Beim zweiten Versuch blieb die Nadel quer im Jackett stecken, beim dritten Mal zerbrach sie in zwei Stücke.

Und das war das Ende der Ära Winkelried, noch ehe sie begonnen hatte. Zum allgemeinen Kummer im RC Redliwil verzichtete er auf die Präsidentschaft, und Bräker wurde gebeten, noch ein Jahr dranzuhängen.

Bräker erfuhr davon in seinem Arbeitszimmer. Er zwinkerte Theodor zu: «Gut gemacht!»

Glosse 116: Die Influencerin

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Im RC Redliwil sorgten viele neue Rotarierinnen und Rotarier mit ihren neuen Berufen für ein bunteres Bild. So durfte Präsident Georges Bräker einen Spezialisten für Achtsamkeitstraining begrüssen, einen Coach-Coach und als Krönung eine Influencerin. 

Sekretär Hans Tgetgel wunderte sich. «Komisch, früher hatten unsere Mitglieder Studienabschlüsse in Jura, Betriebswirtschaft, Medizin, Ingenieurwissenschaften und dergleichen, meinetwegen auch Kunstgeschichte. Aber heute blicke ich nicht mehr durch, sind das denn ernsthafte Berufe?»

«Oh doch», meinte Achtsamkeitstrainer Albert Rütti. Seine acht Ratgeber zum Thema waren alles Bestseller, im RC Redliwil hatte er sich alle unterworfen. Jeder hatte auf seinem Smartphone eine App, die alle zwei Stunden per Alarm zum fälligen Meditieren aufrief.

Coach-Coach Peter Hasenfratz war in der Königsdisziplin der Beraterbranche unterwegs – er beriet seine Kunden aus Wirtschaft und Politik zur Frage, wie sie mit all ihren Beratern zurechtkamen. Im kleinen Kreis schwärmte er: «Wenn erst jeder, aber auch jeder Schweizer seinen persönlichen Coach hat, ist unsere Mission erfüllt.»

Die beiden waren jedoch kleine Fische gegen Elvira Leibundgut, eine Influencerin. Sie war jung, sah nett aus und war die geborene Plaudertasche. Auf Facebook, Youtube, Twitter, Instagram und TikTok warb sie rund um die Uhr für den Badezusatz «Laola», auf Kokosmilchbasis und mit Achtsamkeit produziert. Sie hatte mittlerweile 27,7 Millionen Follower und fuhr im Bentley zum Meeting in der Heidistube vor. Baden in Laola war Pflicht im RC Redliwil.

Im Gegensatz zu Sekretär Tgetgel war Präsident Bräker sehr beeindruckt. Als er bei Elvira Leibundgut eine der kostbaren Autogrammkarten ergatterte, meinte er: «Ich erwarte ja von jedem Rotarier, dass er in seinem Bereich Influence hat. Rotarierin Leibundgut hat Massstäbe gesetzt.»

Das fand auch Rotarier Josef Mosimann, der sich mit seinem Engagement in Bitcoins verspekuliert hatte und Geld brauchte. Er wurde ebenfalls Influencer und bewarb ein Produkt namens «Muttis Bestes».

«Sind das die Memoiren von Angela Merkel?», fragte ihn Bräker.

«Nein, das ist die hausgemachte Konfitüre meiner Gattin». Und so startete er seine neue Karriere, sass rund um die Uhr in der heimischen Küche und verzehrte in seinen Werbeclips eine Konfitürenschnitte nach der anderen.

«Wie läuft das Geschäft?», fragte Bräker nach einer Weile.

«Jeder Anfang ist schwer, aber ich habe schon Follower“, entgegnete Mosimann.

«Wunderbar, wer followt denn so Muttis Bestes?»

«Mein Sohn, unsere Haushaltshilfe und meine Frau».

Glosse 115: Der Peacebeauftragte

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Anlässlich des rotarischen Schwerpunktmonats «Friedensförderung und Konfliktprävention» meinte Präsident Bräker in einer Vorstandssitzung: «Wenn jemand das nötig hat, dann ist es der RC Redliwil.» Rotarier Schneebeli schlug vor: «Ernennen wir doch einen Peacebeauftragten, ich wüsste auch schon, wen.»

Das war Weihbischof Albrecht, ein Rotarier mit europaweitem Ansehen, ein warmherziger Mensch, ein grosser Versöhner. Clubsekretär Tgetgel war skeptisch. «Bei uns wird das schwierig. Es gibt ja den normalen Streithahn, den fortgeschrittenen Streithahn und den rotarischen Streithahn. Letzterer erreicht ein ungeahntes Niveau. Er ist juristisch vorgebildet, intelligent, rhetorisch begabt und mit einem überquellenden Ego versehen.»

Albrecht nahm dennoch den Auftrag gerne an und erstellte eine Streithahn-Liste, die ziemlich umfangreich ausfiel. Die betreffenden Freunde lud er zu einem ökumenischen Gottesdienst in den Redliwiler Dom, danach folgte ein inniges Treffen im Stuhlkreis, besonders schwere Fälle erhielten ein Anti-Aggressions-Training.

Eine zweite Liste des Peacebeauftragten enthielt die aktuellen Knackpunkte, die den Club bewegten. Zum einen ging es darum, wer bei der nächsten Wilhelm Tell-Feier den Tell spielen durfte. Hier lagen die Freunde Wüthrich und Maerki im heftigen Streit. Die Rotarier Medici und Grossenbacher dagegen, die dem Komitee zur Modernisierung des Clubwimpels angehörten, hatten sich wegen der Farben rettungslos entzweit. Medici war für einen Wimpel in Blau, Rot und Gelb, Grossenbacher kämpfte für Blau, Rot und Türkis.

Albrecht fand dafür salomonische Lösungen. Gemäss seinem Vorschlag sollte Wüthrich den nächsten Tell stellen, an seiner Seite würde Maerki als Assistant Tell auftreten. Ein Jahr später sollten sie die Funktionen wechseln. Und für den Clubwimpel schrieb Albrecht die Farben Blau, Rot, Gelb und Türkis vor.

Alle waren glücklich. Der Peacebeauftragte setzte ein Protokoll auf, das alle unterzeichnen sollten. Doch der Friedensschluss platzte. Wüthrich, Maerki, Medici und Grossenbacher zerstritten sich über die Frage, wer als erster unterzeichnen durfte.

Dem friedfertigen Albrecht platzte der Kragen. Vor seinem Rückzug in ein Kloster erklärte er Präsident Bräker: «Was dieser Club braucht, ist eine UN-Friedenstruppe, aber mit robustem Mandat, inklusive eines Leopard 2.»

Glosse 114: Der Praktikant

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

«Bald habe ich ihn so weit», sagte Präsident Bräker zu Clubsekretär Tgetgel in einer Vorstandssitzung. Es ging um den Kandidaten Obertüfer, einen jungen, dynamischen, erfolgreichen Chef einer Zahnklinik, der Interesse an einer Mitgliedschaft im RC Redliwil bekundet hatte. Der ganze Club war freudig erregt, denn frisches Blut von aussen wurde im RC Redliwil dringend benötigt.

Doch beim finalen Einstellungsgespräch zeigte sich Obertüfer überraschend spröde. «Ich bin ja interessiert, lieber Herr Bräker», sagte er. «Aber ich habe so Einiges gehört, was man sich rund um den Redliwiler See so erzählt.»

«So, was denn?»

«Ich habe gehört, dass neue Mitglieder in Ihrem Club eine harte Lehrzeit durchlaufen, so eine Art Praktikum. Dass sie niedere Dienste verrichten müssen, wie dem Präsidenten den Wagen waschen oder dessen Ehefrau in den Beauty-Salon fahren. Also, irgendwie befremdet mich das.»

Bräker war entsetzt. «Wo denken Sie hin, lieber Herr Obertüfer. Ganz im Gegenteil – wir sind bemüht, unseren neuen Freundinnen und Freunden den Start ins Clubleben so angenehm wie möglich zu gestalten.»

Dem war in der Tat so. Seit einem Jahr lief das spezielle Welcome-Wellness-Programm des RC Redliwil für neue Mitglieder. Beim Meeting in der Heidistube erwarteten sie gepolsterte Sessel mit Massagefunktion. Ihr Apéro war stets doppelt so gross wie der normale Drink. Ein Shuttle-Service holte sie zum Meeting ab und brachte sie wieder nachhause. Bei Clubreisen mit dem Bus durften sie stets in die Business Class. Jeder Neue hatte einen rotarischen Personal Assistant, der rund um die Uhr verfügbar war und sei es zum Brötchenholen oder eben Wagenwaschen. Alle vier Wochen wurden die Neuen zur Qualität des Clubservice befragt und durften auf einer Skala von 1 bis 10 ihr Votum abgeben. Bislang hatte der RC Redliwil jedes Mal die Bestnote erreicht.   

Bräker präsentierte Obertüfer einen Prospekt mit dem kompletten Leistungspaket. «Das sieht schon besser aus!» Obertüfer war beeindruckt und vier Wochen später heftete ihm Bräker die Nadel ans Revers.

Zuhause erzählte Bräker der Gattin von den bösen Gerüchten über die niederen Dienste der Neulinge und wie sich dann alles zum Guten gewendet hatte. Die Gattin wiegte den Kopf: «Nun ja, das mit dem Beauty Salon ist doch gar keine so schlechte Idee.»

Glosse 113: Die Notgans

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Pünktlich zu St. Martin lud der RC Redliwil zum traditionellen Gänseessen, das gehörte zu den Genen des Clubs. Doch in diesem Jahr herrschte im Vorfeld plötzlich Unruhe. «Die wollen sie uns wegnehmen!», warnte Clubsekretär Tgetgel Präsident Bräker.

«Wer will wem was wegnehmen?»

«Die Vegetarier und Veganer rütteln an unserer Gans. Denken Sie nur an den Vortrag von Rotarier Schneebeli vor einer Woche», knurrte Tgetgel.

Schneebeli, seines Zeichens Internist, hatte kenntnisreich über die Mortalitätsrate infolge Herzkranzverfettung gesprochen und in seiner Powerpoint-Präsentation eine Gans in Form eines dickbäuchigen Todesengels präsentiert.

Rotarier Schmidhauser holte für die Gansfraktion zum Gegenschlag aus. Er würdigte im Folgevortrag die Gans als Lieferant des höchst wichtigen Mineralstoffs Magnesium, dazu den Gehalt an Eisen, Vitamin A und einigen Vitaminen der B-Gruppe. In einem Video zeigte er zudem glückliche Gänse auf dem Musterhof eines freilaufenden Biobauern, die freudig St. Martin entgegenfieberten.

Bald drohte das Gansthema den Club zu entzweien. Präsident Bräker fragte den Küchenchef der Heidistube, ob er auch eine fettfreie Gans im Angebot habe. «Wir hatten mal eine Tofu-Gans», erwiderte der Koch, «die lief aber nicht so gut.»

Die Diskussion im Club eskalierte, doch Bräker zeigte sich diplomatisch: «Wir setzen auf Vielfalt, auf Toleranz und eine lebendige Diskussionskultur.»

Ein Gansausschuss wurde installiert, der nach langen Beratungen den Koch um eine Zubereitung in vier Varianten bat:

Gans klassisch

Gans aus Magerhaltung

Gans vegan

Gans digital, optisch geniessbar auf dem Smartphone.

Der Küchenchef schlug die Hände über dem Kopf zusammen und kündigte einen Tag vor dem Gans-Event fristlos, unter Mitnahme der bereits bestellten Gänse. Der Wirt der Heidistube wühlte verzweifelt in seinen Vorräten und servierte den Freundinnen und Freunden eine Notgans. Sie bestand aus einem Süppchen mit dem übriggebliebenen Sossenfond der Vorjahresgänse, dazu ein paar versteinerte Maronis. Frisch war immerhin das Rotkraut. Dazu sang der eilends engagierte Tenor der Redliwiler Oper das Volkslied «Fuchs, du hast die Gans gestohlen.»

Der Präsident rühmte die Notgans als «kreativ-kulinarische Überraschung nebst Kulturkomponente», doch Tgetgel widersprach: «ich will keine lebendige Diskussionskultur und auch keinen Tenor, im nächsten Jahr will ich wieder eine Gans, dick, fett und knusprig.»

Glosse 112: Der warme Händedruck

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Der RC Redliwil freute sich stets über externe Referenten. Dabei gehörte es zum guten Ton, die Gäste mit einem ansprechenden Gastgeschenk zu belohnen. Lange Jahre war das eine Flasche des köstlichen Ricola-Kräuterschnapses, doch nun war ein Wechsel fällig. Mit welchem Präsent wollte man in guter Erinnerung bleiben? Dazu entbrannte eine heftige Debatte im Vorstand. Kassier Armin Geldmacher hatte die Clubfinanzen im Auge, als er meinte: «Wir sollten auch eine Economy-Variante des Gastgeschenks einplanen.»

«Und die wäre?», fragte Präsident Bräker.

«Ein warmer Händedruck des Präsidenten. Verzicht ist angesagt in diesen harten Zeiten.»

«Nun ja», sagte Bräker zögernd und bat um weitere Vorschläge.

Rotarier Grossenbacher war mit einem Musterkoffer erschienen, dem er farbige Topflappen und Tischsets mit dem Rotary-Rad entnahm. «Hat meine Frau gehäkelt, alles Handarbeit.»

Bräker fand die Topflappen etwas spiessig, doch er wollte es sich mit Grossenbacher, dem potentesten Spender des Clubs, nicht verderben. «Sehr schön, sehr individuell!», lobte er. Besser gefiel ihm, was Rotarier Danuser vorstellte – ein Vogelhäuschen aus edlem Holz aus dem Engadin, ebenfalls handgemacht. Und passgenau modelliert für die Aufnahme einer Flasche Wein. Er lobte erneut: «Sehr authentisch und aus einem nachwachsenden Rohstoff. Dazu eine Hilfe für unsere bedrohte Vogelwelt.»

Schliesslich kam man überein, die Gastgeschenke je nach Qualität des Vortrags zu verteilen. Der Clubvorstand einigte sich auf folgendes Muster:

Exzellenter Vortrag: Vogelhäuschen inklusive eines guten Rotweins.

Guter Vortrag: Vogelhäuschen inklusive Vogelfutter.

So lala – Vortrag: ein Satz Topflappen.

Vortrag zum Gähnen: Warmer Händedruck des Präsidenten.

Was keiner wusste: Danusers Vogelhäuschen fanden nach und nach in der gesamten rotarischen Welt reissenden Absatz und Danuser freute sich über die Aufbesserung seiner Rente.

Es nahte der Tag, dem der RC Redliwil entgegenfieberte. Starredner John Battermann hatte sich angesagt. Das Vogelhäuschen mit Rotwein war programmiert. Battermann war Dauergast in allen Talk Shows und den Boulevardzeitungen, er war der Experte für alles: vom Ukrainekrieg bis hin zur richtigen Zubereitung eines Raclette, von der endgültigen Strategie gegen Covid bis hin zur finalen Aufstellung der Schweizer WM-Elf.

Kurz vor seinem Auftritt rief John Battermann bei Bräker an. «Lieber Herr Präsident, ich komme ja sehr gerne zu Ihnen. Aber eine Bitte hätte ich.»

«Wie kann ich helfen? »

«Ich war schon bei 145 Rotary Clubs zu Gast. Mittlerweile stehen 16 Vogelhäuschen in meinem Garten, die Vögel sind schon ganz erschrocken, weil sie eine Falle wittern. Und meine Gattin spricht nicht mehr mit mir, seitdem ich ein Dutzend weitere Vogelhäuschen im Bad und im Schlafzimmer unterbrachte.» Battermann seufzte: «Ich bitte sehr herzlich – keine Vogelhäuschen mehr. Mir reicht nach dem Vortrag ein warmer Händedruck.»

Glosse 111: Das Old Boys Network

Autor: Rot. Alexander Hoffmann

Rotarier Lüthi sass mit der Gattin auf dem heimischen Sofa und meinte versonnen: «Seit heute bin ich zehn Jahre beim RC Redliwil, nun gehöre ich wohl richtig dazu.»

Wenn er sich da mal nicht irrte. Beim nächsten Meeting in der Heidistube klopfte ihm Ehrenpräsident Friedrich leutselig auf die Schulter: «Junger Freund, haben Sie sich schon ein bisschen eingelebt bei uns?»

«Ich bin seit einem Jahrzehnt dabei und außerdem schon 40», erwiderte Lüthi.

Friedrich winkte ab. «Zehn Jahre – das ist so gut wie nichts, das ist gerade mal ein Lidschlag für uns.»

Friedrich gehörte zum sagenumwobenen OBN, dem Old Boys Network des Clubs. Das Netzwerk war eine Art Schattenreich und durchaus mächtig. Die Old Boys hielten die Tradition hoch, bei drohenden Veränderungen erlitten sie regelmässig einen kollektiven allergischen Anfall. Danach entwickelten sie professionelles Geschick darin, betreffenden Projekten den Garaus zu machen.

Tragende Pfeiler des Netzwerks waren Kassierer Schnurrenberger, der Herr des Geldes, und Clubsekretär Tgetgel, der Herr der Wochenbulletins. Beide übten ihre Ämter seit über 30 Jahren aus und dies völlig unangefochten. Der Rest des Clubs war heilfroh, dass jemand diese Arbeit machte. Und so konnte Schnurrenberger fröhlich verkünden: «Mir ist es egal, wer unter mir Präsident ist.»

In diese Gemengelage hinein platzierte Lüthi unter dem Titel «Aufbruch» ein Thesenpapier zur Zukunft des RC Redliwil. Die Thesen waren hochherzig und anspruchsvoll, es ging um neue Formen der Meetings, um mehr Präsenz in der Gesellschaft, um die Aktivierung der Rotarierinnen und Rotarier und vieles mehr.

Zu Lüthis Überraschung zeigte sich Kassierer Schnurrenberger höchst erfreut über das Reformpapier. «Das ist ein grossartiges Papier», erklärte er Lüthi und fuhr fort: «Angesichts des komplexen Themas sollten wir eine Grundsatzkommission bilden, die sich damit befasst.»

«Und dann?», fragte Lüthi.

«Dann wird sie einen Zwischenbericht vorlegen. Schätze, so um 2040 herum.»

Zuhause klagte Lüthi gegenüber der Gattin: «Die Old Boys machen aus meinem Aufbruch einen Abbruch.» Doch er wusste sich zu wehren. Tags darauf erzählte er einem anderen Rotarier unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit, dass sich ein YBN, das Young Boys Network, gebildet habe. Es werde den Old Boys die Stirn bieten. Das war frei erfunden, aber wie erwartet wusste 24 Stunden später der gesamte RC Redliwil davon.

Die Old Boys erfasste Panik. Sekretär Tgetgel lud Lüthi zur Taufe seines neunten Enkels ein, Kassierer Schnurrenberger gar zu seinem exklusiven, herbstlichen Golfturnier im Engadin, das bislang den Premiumrotariern vorbehalten war. Am zehnten Loch nahm Schnurrenberger den Young Boy zur Seite und meinte: «Jung und Alt müssen zusammenhalten. Ich denke, der Zwischenbericht zu Ihrem Papier könnte schon 2035 fertig sein.»