Verfasser: Alexander Hoffmann / Erich Gerber
Eines Tages kam ein Fremder zum Meeting in den Gasthof Wohlfahrt und ließ sich am Präsidententisch nieder. Er sah müde aus, etwas abgerissen mit seinem Rucksack, der Feldflasche und dem Kompass. Spontan lud ihn Präsident Bräker zum Essen ein. Der Fremde erklärte: „ich war Rotarier unten im Tessin. Dann wurde ich in den Raum Zürich versetzt und suchte einen neuen Club. Aber bislang wollte mich keiner haben. Nun bin ich auf Tour durch die ganze Schweiz.“
Georges Bräker war erschüttert. „Das kann doch nicht angehen!“, sagte er Tage später zu Clubsekretär Hans Tgetgel. Der meinte: „Das kommt öfter vor, als man denkt. Einerseits sollte man ja lebenslang Rotarier bleiben dürfen, anderseits sind die Clubs souverän in der Frage, wen sie aufnehmen. Manchmal ist dieses Problem fast unlösbar.“
Clubpräsident Bräker setzte kurzerhand durch, dass der Fremde in den RC Redliwil aufgenommen wurde. Einige Mitglieder schüttelten den Kopf, aber der Neue entpuppte sich als Bereicherung. Er war engagiert und spendenfreudig, was besonders Kassier Armin Geldmacher freute. Hans Tgetgel war es auch, der den Präsidenten eines Tages auf den Nachbarclub RC Vorderamlikon aufmerksam machte: „Die haben jede Menge Zuzug, auch wir könnten weiter frisches Blut vertragen.“
In der Tat konnten die Rotarier in Vorderamlikon mit immer neuen Very Important Persons aufwarten. Zuletzt hatten sie den Moderator des Frühstückfernsehens von RTL und den Co-Trainer der vierten Mannschaft von Young Boys Bern aufgenommen.
„Wie schaffen die das nur?“, fragte Bräker seinen Kassier. Der forschte nach und berichtete: „Es gibt offenbar einen grauen Markt für wechselwillige Rotarier. Für VIPs werden an die alten Clubs hohe Ablösesummen gezahlt – so machen es auch die in Vorderamlikon.“
Georges Bräker schüttelte den Kopf: „Das ist aber höchst unrotarisch. Außerdem ist unsere Kasse ja notorisch leer.“ Der Sekretär erwiderte: „ich habe da eine Idee, lass mich mal machen.“
Und so gewann der RC Redliwil eines Tages Prof. Dr. Dr. Abraham Fürchtenicht als neues Mitglied – ein Ober-VIP. Bräker erkundigte sich bei dessen früherem Club und war irritiert ob der Auskünfte. Er zitierte Tgetgel zu sich: „Fürchtenicht hat ja einen überragenden fachlichen Ruf, aber er gilt in seinem alten Club als eine Art Problembär.“
Tgetgel meinte fröhlich: „Weiß ich doch. Deshalb haben sie uns etliche Franken bezahlt, damit wir ihn nehmen.“