33. Slow Food

Verfasser: Alexander Hoffmann / Erich Gerber

Präsident Bräker blickte nervös auf seine Uhr. Der Vortrag hätte längst beginnen müssen, doch die Mitglieder Erna Zehnder und Johann Rübelin waren immer noch am Essen. Beide gehörten zu den Langsam-Essern. Das war im Grundsatz zwar löblich weil gesund, aber brachte den Zeitplan ins Wanken. Die meisten Mitglieder im RC Redliwil legten nämlich Wert auf ein straffes Meeting und ein pünktliches Ende. Galt es doch, nachher die Schweiz weiterhin in Gang zu halten.

Der Gast dieses Lunches war ein Schönheitschirurg aus St. Moritz, der über „Facelifting für Männer – das Gebot der Stunde“ berichtete. Die Heidiland-Stube war überfüllt, die Zeit schritt voran, doch Erna Zehnder und Johann Rübelin saßen weiter über ihre Teller gebeugt.
Entnervt gab der Clubpräsident dem Referenten das Startzeichen. Kaum hatte sich dieser etwas warm geredet, fiel Johann Rübelin klirrend die Gabel aus der Hand. Der Referent blickte verstört hinüber, doch fing sich wieder auf. Aber drei Minuten später forderte der Langsam-Esser lauthals vom Ober „Bitte mehr Salz!“ Das brachte den Redner vollends aus seiner Spur.

Rot. Rübelin war eigentlich kein klassischer Langsam-Esser, aber er plauderte gerne, vor allem während den Mahlzeiten. Hauptthema waren seine Urlaube auf den Seychellen.
Beim nächsten Meeting wurde er alleine an einen separaten Tisch gesetzt, in der Hoffnung, mangels Zuhörerschaft würde er etwas schneller essen. Die Hoffnung trog, dieser besondere Gast verfiel in ein ausgedehntes Selbstgespräch.

Schwieriger war es noch mit Rotarierin Zehnder: Sie war eine bekennende Slow Food-Aktivistin und zudem eine sensible Ästhetin. Georges Bräker setzte sich extra neben sie, um die Nahrungsaufnahme etwas zu beschleunigen. Er kam aber nicht umhin, sie zu bewundern: Wie sie chirurgisch-präzise eine Cocktailtomate in acht Scheibchen schnitt. Wie sie den gemischten Salat neu nach Farben sortierte. Wie sie den Reis sorgsam zu gleich großen Pyramiden häufelte. Wegen des vor ihr liegenden Kalbsschnitzels vergoss sie drei Tränen in Erinnerung an das Kälbchen, das für sie sein Leben lassen musste. Da war das Meeting wieder mal fast zu Ende.

Es half nichts, ab dem nächsten Meeting wurden die lieben Slow Foodisten in einen Nebensalon des Gasthofs Wohlfahrt verbannt. Und wenn sie nicht gestorben sind, sitzen sie heute noch dort: Johann Rübelin erzählt von den Seychellen, und Erna Zehner weint wegen des Kälbchens.

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