49. Die Absenzenliste


Diese Cartoons stammen von Jals Smolinski.

Verfasser: Alexander Hoffmann / Erich Gerber

Zum Wochenbericht des RC Redliwil gehörte auch eine Präsenzliste. Peinlich genau führte Sekretär Hans Tgetgel auf, wer am Clubleben teilnahm. Doch die Präsenzliste war sehr übersichtlich, und der Sekretär fühlte sich wenig ausgelastet. Also schlug er im Vorstand vor: „Machen wir lieber eine Absenzenliste.“
Präsident Bräker meinte: „Die wird aber sehr lang.“
„Eben.“

Der Clubsekretär war gerade pensioniert worden und hatte viel Zeit. Mit ausgefeilter Recherche und viel Liebe zum Detail schilderte er fortan wöchentlich, wer dem Meeting ferngeblieben war – und mit welchen Begründungen.
Die Idee für diese Methode hatte er in der Chronik des Rotary Clubs Zürich gefunden, der im Jahr 1924 als erster Rotary Club im deutsch-sprachigen Europa gegründet worden war. Damals mussten abwesende Mitglieder den Grund angeben.

Zusätzliche Würze erhielt diese Liste durch die Randbemerkungen von Hans Tgetgel. So hatte sich Past Präsident Bünzli wegen des Ablebens seiner Tante Hilda entschuldigt. Tgetgel merkte an: „Hilda wurde offenbar recycelt – sie weilt schon seit 2009 nicht mehr unter uns.“ Max Danuser erklärte sich für unabkömmlich wegen eines Golfturniers.Tgetgel notierte spitz: „Er hat ja noch nicht mal die Platzreife.“

Chefarzt Prof. Schnebeli weilte laut Absenzliste auf einem Kongress zum Thema “Das Burnout-Syndrom bei Fünfjährigen”. „Der einstündige Ärztekongress ist Teil einer 14tägigen Kreuzfahrt“ notierte der Sekretär. Und schilderte weitere Absenzen. Alois Kalbermatten hielt einen Vortrag im Dolder Grand Hotel Zürich zum Thema „Steuervermeidungsstrategien 2018“. Clubdichter Hausammann hingegen nahm an einem Seminar „Wie werde ich Millionär?“ in der Jugendherberge von Locarno teil. Rotarierin Erna Zehnder hatte sich in eine Tessiner Klinik abgemeldet. „Botox-Auffrischung, siebte Sitzung“, fügte der Sekretär hinzu.

Die Absenzliste schlug im Club wie eine Bombe ein. „Wir wollen mehr davon“, riefen die präsenztreuen Clubmitglieder, während die häufig abwesenden eher ungnädig reagierten. Beim Sekretär hagelte es Gegendarstellungen. Kalbermatten betonte: „Ich zahle durchaus Steuern, zum Beispiel auch in Antigua.“ Erna Zehnder legte Wert auf die Feststellung: „Es war erst die dritte Sitzung und zwar mit Hyaluron.“

Der Sekretär blieb unbeeindruckt. Er baute die Absenzliste aus, reicherte sie mit Fotos, Interviews und Reiseberichten an. So entstanden regelrechte Bewegungsprofile der Clubmitglieder.

Präsident Bräker ließ seinen Sekretär gewähren. An der nächsten Mitglieder-versammlung hielt er eine Lobrede auf die Absenzenliste: „Wir sind eine vitale Gemeinschaft. Ist doch toll, wie unsere Freunde weltweit aktiv sind – wenn auch nicht bei uns im Club.“

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