28. Die freie Rede

Verfasser: Alexander Hoffmann / Erich Gerber

„Schweizer Chancen in Europa“ – ja, das ist ein schöner Titel für meinen nächsten Vortrag in unserem Club Redliwil, dachte sich Präsident Bräker zuhause in seinem Arbeitszimmer. Da kam sein achtjähriger Enkel Florian herein und schaute fragend auf den mit Papieren beladenen Schreibtisch:
„Was ist das?
„Das sind Unterlagen für meinen Vortrag.”
„Ach, Du gehst wieder zu den Rotierern? Wie machst Du Deinen Vortrag?“

„Ganz einfach. Ich überlege mir das Thema, entwerfe eine Gliederung, notiere ein paar Stichworte, übe das Ganze laut vor dem Spiegel und rede dann frei mit Video-aufnahme.“

Florian schüttelte den Kopf:  „Das ist zu wenig cool: Ich weiß etwas viel Besseres

Und der Enkel  Florian erklärte seinem Grossvater, dass beim Vortragen heute eine moderne Technik üblich sei: „Du musst computergestützt präsentieren. Arbeite mit Beamer und Leinwand, da kannst Du Bilder einspielen, das wäre doch megageil.“

Der Clubpräsident und Grossvater Georges Bräker fand den Ausdruck „megageil“ zwar etwas unpassend, aber erwärmte sich rasch für die Idee seines Enkels. Florian schleppte gleich die entsprechende Technik herbei und sagte: „Auf dem Rechner sind noch ein paar alte Sachen, das stört nicht. Ansonsten hast Du alles mit AC-3-Unterstützung, DivX-kompatibel, mit 6-Knopf-VHS, Q-Link und Show View.“

Aha!”
Er übte mit Florian ein paar Stunden, dann saßen alle Griffe.

Am Tag des Vortrags war der Präsident früh im Gasthof Wohlfahrt, in der Heidiland-Stube baute er die Leinwand auf, fuhr den Rechner hoch, schloss den Beamer an.
Es war alles da, auch Megatext, New Black Stripe Screen, Virtual Dolby und Bluetooth-Technologie. Alles in Ordnung.
„Wenn irgendwas klemmt, einfach F1 drücken“, hatte ihm der Enkel beim Weggehen noch geraten.

Der Vortrag ließ sich gut an. Die Gründerväter Europas, Schumann und de Gasperi, flimmerten in Schwarzweiß über die Leinwand, dann kam der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Bocciaspielen. Doch just, als Bräker den Rütlischwur in Gestalt eines zeitgenössischen Gemäldes zeigen wollte, blieb das Bild plötzlich stehen. Außerdem ging das Licht aus.

Bräker drückte „F1“und sah, wie er selbst über die Leinwand watschelte, in der Badehose, ziemlich unvorteilhaft und sogar peinlich. Das war der Urlaubsfilm von 1997 „Schöne Tage in Brissago“.

Die Zuhörer kicherten. Bräker drückte erneut „F1“ und der Science Fiction-Film „Kampfstern Galactica“ donnerte durch die Heidiland-Stube. „Noch besser als Adenauer!“, rief ein rotarischer Freund in die Dunkelheit.

Bräker geriet in Panik. Er riss alle Stecker heraus. Leise gurgelnd soff der Rechner ab, der Beamer kollabierte krächzend. Ein trauriges „Oooh“ ging durch die Reihen

Stille.

Der Moment, in dem sich ein Mann als Mann erweisen muss. Bräker straffte den Rücken und verkündete: „Nun gut, dann spreche ich halt frei.“

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