21. Der Platz beim Kachelofen

Verfasser: Alexander Hoffmann / Erich Gerber

Präsident Georges Bräker fiel wieder einmal auf, dass sich an den verschiedenen
Tischen in der Heidilandstube stets die gleichen Freunde versammelten. Zwischen
den Tischen lagen Welten. Die Freunde am Tisch neben dem Eingang kannten die
Freunde vom Tisch beim Kachelofen zuhinterst im Raum meist nur aus der Zeitung.
Viele Clubs beschäftigen sich mit diesem Problem. Schon der erste Rotary Club im
deutschsprachigen Raum – der Club Zürich, der im Jahr 1924 gegründet wurde – hat
gemäss seiner Chronik versucht, die Sitzordnung seiner Mitglieder zu „organisieren“.
„Diese Grüppchenbildung wollen wir auflockern, wir brauchen einen lebendigen
Kontakt und Meinungsaustausch“, schlug der Präsident vor. Und so wurden alle
Meetingbesucher angehalten, sich mal hier, mal dort zu setzen.
Beim nächsten Meeting wollte sich Anton Hofer zum ersten Mal an den Tisch
beim Kachelofen setzen und wählte den Stuhl vor der Jahrzahl 1871. Erschrocken
reagierten die Freunde, die schon dort sassen: „Das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Da sitzt unser Freund Fritz Abderhalden. Seit 31 Jahren, sechs Monaten und acht
Tagen.“
Anton Hofer setzte sich anderswohin, denn mit Fritz Abderhalden wollte er keinen
Krach bekommen, den die meisten Freunde kurz Abdi nannten. Von Abdi war
bekannt, dass er bei seinen Ferien auf Mallorca jeden Morgen um fünf Uhr aufstand,
die erste Reihe am Pool mit seinen Badetüchern markierte und zusätzlich ein
Absperrband mit dem Schweizer Kreuz spannte.
Aber Georges Bräker ließ nicht locker, versuchsweise wurden an einem Meeting die
Sitzplätze numeriert und verlost. Abdi meinte: „Da mache ich gerne mit, Hauptsache,
ich sitze bei meinem Kachelofen!“
Der Vorstand ließ sich noch mehr einfallen, um Abdi seinen Platz zu verleiden. Der
Kellner wurde instruiert, diesem Mitglied nur einen Kindersitz anzubieten – Abdi
zwängte sich ohne zu klagen hinein – Hauptsache: er sass beim Kachelofen.

Der Clubpräsident verschärfte die Gangart. Zum nächsten Meeting wurden
ausgesuchte Freunde mobilisiert, um ab halb zwölf Uhr alle Plätze beim Kachelofen
zu besetzen. Als Abdi um halb Eins das Clublokal betrat, war nichts mehr frei.
Abdi sah die Bescherung und kehrte schnurstracks um.

Eine Woche später fing der Oberkellner den Clubpräsidenten schon vor dem Gasthof
Wohlfahrt ab und flüsterte ihm zu: „Ein Herr sitzt schon seit neun Uhr früh da drin“.
Es war Fritz Abderhalden. Er hockte bei seinem Kachelofen, gesichert von einem
rotweissen Absperrband mit der Aufschrift: „Do not enter.“

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