Auch in Redliwil gab es viele Zuzügler aus dem „großen Kanton“. Ein
Deutscher war Chefarzt des Redliwiler Spitals, deutsch waren viele
Professoren an der Redliwiler Universität sowie der Chefredaktor des
Redliwiler Tagesanzeigers. Die Villen an der Goldküste hoch über dem
Redliwiler See waren fest in deutscher Hand. Darüber wurde auch im RC
Redliwil diskutiert. „Die Deutschen sind ja
ganz anstellig, aber es werden immer mehr“, sinnierte das langjährige
Mitglied Fritz Abderhalden. Neben ihm saß Hans Schnurrenberger und
nickte bedächtig: „Kein Wunder bei einer Bevölkerung von 82 Millionen.
Aber immerhin sinkt ihre Geburtenrate.“
„Das dauert mir zu lange“, gab Abderhalden zu bedenken.
Tage später meldete sich ein Herr Hartmann höflich bei Clubpräsident
Bräker. Er sei Deutscher aus Flensburg und im Rahmen eines
Drei-Jahres-Vertrags in Redliwil tätig. Ob er als Rotarier denn ab und
zu den RC Redliwil besuchen dürfe?
Präsident Bräker legte die Anfrage dem Clubvorstand vor und meinte:
„Er kommt ja aus dem hohen Norden, gleichsam vom Rand der Arktis. Aber
die Auskünfte über ihn lauten günstig – keine Steuerschulden, keine
Strafzettel, zudem hat er mehrfach für das Rote Kreuz Blut gespendet.“
Und so durfte Hartmann am nächsten Meeting im Gasthof Wohlfahrt
teilnehmen. Das Thema des Vortrags von Incoming Präsident Roger
Winkelried lautete „Weshalb die Annexion von Baden-Württemberg nötig ist
– historische, juristische, politische und moralische Gründe.“
Herr Hartmann lauschte Winkelried beflissen. Zum Schluss klatschte er heftig Beifall und rief „Bravo!“
Vor dem Gasthof Wohlfahrt verabschiedeten sich Schnurrenberger und
Abderhalden. Beide waren sich einig: „Ein wirklich netter Rotarier. Der
darf wiederkommen.“