Ein junger, arbeitsloser Mann – nennen wir ihn Harry – stand auf
einer Themsebrücke in London. Es war während der Krisenjahre. Harry
hatte alles versucht, alles vergeblich. Für ihn hatte niemand Arbeit,
und um nicht verhungern zu müssen, sah er sich gezwungen, den letzten
Ausweg zu wählen: Er stellte sich auf die Themsebrücke und bettelte.
Eines Tages tippt jemand Harry auf die Schulter. Es ist ein junger,
elegant gekleideter Geschäftsmann. Er spricht Harry an und sagt zu ihm: „Junger
Mann, ich gebe Ihnen keinen Penny. Aber ich gebe Ihnen einen guten Rat,
der mehr wert ist als alles Geld, das ich Ihnen geben könnte: Machen
Sie sich nützlich!“ Und ohne Gruss setzt der junge, elegant gekleidete Geschäftsmann seinen Weg fort.
Wir können dem Bettler leicht nachfühlen, was er gedacht haben mag.
„Nützlich machen? Habe ich denn nicht alles versucht, bevor ich mich auf
diese Stufe habe herabsetzen lassen? Habe ich nicht bei so und so
vielen Firmen vorgesprochen und immer wieder dieselbe Antwort gehört:
„Wir haben keine Arbeit für Sie!“ Nützlich machen? Das möchte ich doch!
Wenn ich das nur könnte! Wenn mich nur irgendjemand brauchen würde!“
Während Harry noch seinen Gedanken nachhängt, geht eine alte Frau
über die Brücke. Sie zieht einen Handkarren hinter sich her, hochbeladen
mit Tabak-Kisten. Immer wieder hält sie an, um die Kisten, die
herunterzufallen drohen, zurechtzurücken. In diesem Augenblick
durchzuckt Harry der Gedanke wie ein Blitz: „Sich nützlich machen! Wäre
das nicht die Gelegenheit? Im Grunde habe ich nur immer versucht, eine
Anstellung zu finden, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber
nicht, um mich nützlich zu machen.“ Harry läuft der Frau nach, hilft ihr
den Handkarren schieben, indem er im Laufen einmal von links, einmal
von rechts die Kisten, die herunterzufallen drohen, zurechtrückt.
Er ist kaum einige Schritte hinter dem Karren hergegangen, da bleibt die alte Frau stehen und kommt nach hinten.
Sie dankt mit Tränen in den Augen. Sie ist gerührt ob so viel
Hilfsbereitschaft. Denken Sie sich den Fortgang der Geschichte so?
Leider nein!“ Es geschah etwas ganz anderes. – Sie schickte ihn weg!
Warum?
Weil uneigennützige Hilfsbereitschaft so ungefähr das Letzte ist, was wir von unseren lieben Mitmenschen erwarten. Das ist traurig, aber wahr!
Harry lässt sich jedoch nicht abschütteln. Er versteht es, die alte
Frau zu beruhigen, indem er ihr beteuert: „Ich habe denselben Weg, und
ich möchte mich Ihnen nur nützlich machen!“ Widerwillig lässt sich die
alte Frau dazu bewegen, den Weg fortzusetzen. Die beiden kommen
schliesslich zu einem Lagerhaus, wo Harry dienstbeflissen hilft, die
Kisten abzuladen.
Im Lagerhaus sieht Harry, wie andere Arbeiter damit beschäftigt sind,
Eisenbahnwaggons zu beladen. Als er bemerkt, dass ein Arbeiter Mühe
hat, mit einer schweren Kiste zurechtzukommen, legt er, immer getreu dem
Ratschlag des jungen Geschäftsmannes, ebenfalls Hand an und hilft mit,
die Waggons zu belade
Es dauert nicht lange, bis ein Vorarbeiter vorbeikommt. Er entdeckt
das neue Gesicht unter den Arbeitern und weist unseren Freund vom Platz
mit den Worten: „Wir haben Sie nicht gerufen. Machen Sie, dass Sie
fortkommen!“ Er sieht dem jungen Mann noch ins Gesicht und fragt, von
einer menschlichen Regung erfasst: „Wie lange haben Sie denn da schon
geholfen? Nun, so sind wir auch wieder nicht! Kommen Sie mit an die
Kasse, und wir bezahlen Ihnen den Lohn, den sie verdient haben. Dann
aber verschwinden Sie! Wir haben keine Arbeit für Sie!“
Nachdenklich und einigermassen erstaunt über die Erfahrungen, die er
da gesammelt hat, geht Harry nach Hause. Er hat schon lange nicht mehr
so viel Geld in der Tasche gehabt. Das Prinzip hat sich wenigstens fürs
erste bewährt.
Am andern Tag erwacht Harry recht unternehmungslustig und überlegt
sich, wie er das bewährte Prinzip auch heute anwenden könnte. Es fällt
ihm nichts Besseres ein, als erneut den Weg zu jenem Lagerhaus
einzuschlagen, um zu sehen, ob eventuell wieder Eisenbahnwaggons beladen
werden. Er muss aber feststellen, dass dies nicht der Fall ist. In den
kommenden Wochen geht er nun alle Tage zu diesem Lagerhaus, um
gelegentlich, wenigstens während einiger Stunden, doch Hand anlegen zu
können. Eines Tages kommt der Vorarbeiter auf ihn zu und berichtet ihm,
dass einer der älteren Arbeiter gestorben sei: „Wenn Sie es wünschen,
können Sie in die Firma eintreten.“ Harry sagt zu. Auch als Arbeiter
versucht er dem Prinzip nachzuleben: „Mache dich unter allen Umständen
und zu jeder Zeit nützlich!“
Den Rest der Geschichte können wir uns sparen. Ueberrascht es Sie,
dass Harry, der Bettler von der Themsebrücke, Generaldirektor eines der
grössten Transport- und Lagerhaus-Unternehmen in London wurde? Desselben
Unternehmens, in das er sich mit der Absicht – sich nützlich zu machen –
Zutritt verschafft hatte?
Schluss